Diablo IV
Eine atmosphärisch herausragende Rückkehr zu den düsteren Wurzeln der Serie
Getestet auf: PC — Ryzen 7, RTX 4070, 32 GB RAM
Rückkehr nach Sanktuario
Elf Jahre nach Diablo III meldet sich Blizzards düsterste Marke mit einem vollwertigen Hauptteil zurück. Diablo IV, im Juni 2023 veröffentlicht, ist mehr als nur eine weitere Fortsetzung: Es ist der erkennbare Versuch, eine Serie wieder auf jenen Ton einzuschwören, der sie einst groß gemacht hat. Wo der Vorgänger mit kräftigen Farben und einer fast comichaften Überzeichnung spielte, kehrt der vierte Teil zurück zu einer Welt aus Schlamm, Blut, Kerzenlicht und religiöser Verzweiflung. Sanktuario war selten so bedrückend – und selten so atmosphärisch dicht.
Eine Serie und ihr langer Schatten
Kaum ein Genre ist so eng mit einem einzigen Namen verknüpft wie das Action-Rollenspiel mit Diablo. Diablo II aus dem Jahr 2000 gilt bis heute als Maßstab: düster, süchtig machend, mit einer Schatzjagd, die kein Ende kannte. Diablo III hatte es 2012 entsprechend schwer. Sein hellerer, zugänglicherer Stil spaltete die Fangemeinde, und der holprige Start mit Online-Zwang und dem ungeliebten Auktionshaus belastete den Ruf des Spiels über Jahre. Erst die Erweiterung Reaper of Souls und die grundlegende Überarbeitung des Beutesystems machten aus Diablo III nachträglich ein rundes Spiel.
Diablo IV zieht aus dieser Geschichte sichtbar seine Lehren. Es übernimmt das geschmeidige, unmittelbar befriedigende Kampfgefühl des dritten Teils, kleidet es aber in die erwachsene, schwermütige Inszenierung, die Fans seit dem zweiten Teil vermisst hatten.
Die Kampagne und der Aufstieg Liliths
Im Zentrum der Handlung steht Lilith, Tochter des Hasses und Mitschöpferin Sanktuarios, die nach langer Verbannung in die Welt zurückkehrt. Die Kampagne ist der vielleicht stärkste Teil des gesamten Spiels: erwachsen erzählt, hervorragend vertont und von aufwendig produzierten Zwischensequenzen getragen, die zum Beeindruckendsten gehören, was das Genre je geboten hat. Über rund zwanzig Stunden führt sie durch eine Welt am Rande des Abgrunds, in der die Grenzen zwischen Himmel, Hölle und sterblicher Verzweiflung längst verschwommen sind. Lilith selbst ist eine ungewöhnlich vielschichtige Antagonistin, deren Beweggründe das Spiel nie auf simple Bosheit reduziert.
Klassen und Build-Vielfalt
Zum Start stehen fünf Klassen bereit: der wuchtige Barbar, die elementare Zauberin, der wandlungsfähige Druide, die flinke Jägerin und der Totenbeschwörer mit seiner Armee aus Untoten. Jede Klasse besitzt einen ausladenden Fähigkeitenbaum, der mit dem später freigeschalteten Paragon-Brett noch einmal deutlich an Tiefe gewinnt. Wer mag, feilt stundenlang an einem einzigen Build; wer lieber ausprobiert, schichtet die Spezialisierung jederzeit um. Die Mischung aus klarer Klassenidentität und großer Feinjustierung trifft hier einen guten Nerv.
Diablo III gegen Diablo IV im Vergleich
| Aspekt | Diablo III (2012) | Diablo IV (2023) |
|---|---|---|
| Grundton | Bunt, zugänglich, fast comichaft | Düster, erwachsen, schwermütig |
| Weltstruktur | Getrennte Akte, instanziert | Zusammenhängende offene Welt |
| Mehrspieler | Feste Gruppen, Akt-Lobbys | Geteilte Zonen, Weltbosse |
| Klassen zum Start | 5 | 5 (später erweitert) |
| Langzeitmotivation | Anfänglich dünn, später stark | Anfänglich dünn, über Saisons gewachsen |
| Modell | Erweiterungen | Saisons plus Erweiterungen |
Die offene Welt – der größte strukturelle Bruch
Die auffälligste Neuerung ist der Verzicht auf die klassische Akt-Struktur. Statt abgeschlossener, nacheinander betretener Kapitel bietet Diablo IV eine zusammenhängende offene Welt aus fünf großen Regionen, von den frostigen Höhen der Zerrissenen Gipfel bis zu den staubigen Weiten der Trockensteppe. Reittiere verkürzen die Wege, öffentliche Ereignisse und Weltbosse bringen Spieler in geteilten Zonen zusammen. Der Online-Zwang, über den sich viele schon beim Vorgänger ärgerten, bleibt allerdings bestehen – ohne Internetverbindung läuft hier nichts.
Das Endgame und der lange Weg der Patches
So stark die Kampagne, so deutlich offenbarte das Endspiel zum Start seine Schwächen. Albtraum-Dungeons, Höllenfluten und die kopfgeldartigen Flüstern boten zwar Beschäftigung, wirkten in ihrer Wiederholung aber bald monoton. Vor allem die Itemisierung stand in der Kritik: Gefundene Ausrüstung fühlte sich zu selten wirklich aufregend an. Blizzard hat hier über die folgenden Saisons spürbar nachgebessert – insbesondere eine große Überarbeitung des Beutesystems machte das Finden von Gegenständen deutlich befriedigender und transparenter. Das Diablo IV von heute ist in diesem Punkt ein klar besseres Spiel als jenes vom Juni 2023.
Saisons, Live-Service und die erste Erweiterung
Wie schon der Vorgänger setzt Diablo IV auf ein Saison-Modell: In regelmäßigen Abständen startet ein neuer, zeitlich begrenzter Spielabschnitt mit eigenen Mechaniken, frischen Belohnungen und einem Fortschrittspass. Wer dranbleibt, bekommt verlässlich Nachschub; wer pausiert, steigt jederzeit wieder ein. Die Erweiterung Gefäß des Hasses brachte Ende 2024 zusätzlich eine neue Region, die sechste Klasse und Söldnerbegleiter ins Spiel und zeigte, dass Blizzard den Titel langfristig ausbauen will.
Technik und Präsentation
In Sachen Inszenierung spielt Diablo IV in der ersten Liga. Die Kunstrichtung ist herausragend, die Lichtstimmung dicht, die Zwischensequenzen von Kinoqualität. Auf dem PC läuft das Spiel sauber und gut skalierbar, von älterer Mittelklasse-Hardware bis zum High-End-System. Der Soundtrack hält sich vornehm zurück und unterstreicht die bedrückende Grundstimmung, statt sie zu übertönen.
Wie das Spiel anderswo aufgenommen wurde
Diablo IV startete mit durchweg starken Wertungen und viel Lob für Kampagne, Atmosphäre und Präsentation. Die wiederkehrende Kritik der Fachpresse betraf fast ausschließlich das zum Start zu dünne Endspiel und die anfängliche Itemisierung – Punkte, die sich über die Saisons hinweg spürbar verbessert haben. Das Gesamtbild eines hervorragend inszenierten, anfangs aber im Langzeitbereich unfertigen Spiels deckt sich mit unserem Test.
Fazit
Diablo IV ist eine atmosphärisch herausragende Rückkehr zu den düsteren Wurzeln der Serie, getragen von einer der besten Kampagnen des Genres. Wer vor allem die Geschichte und das Kampfgefühl sucht, bekommt schon ab der ersten Stunde ein erstklassiges Spiel. Wer dauerhaft im Endspiel leben möchte, sollte wissen, dass dieses erst durch die Aktualisierungen nach Release seine heutige Form gefunden hat – dafür aber inzwischen überzeugt.
Staerken
- Herausragend inszenierte, erwachsene Kampagne
- Dichte, düstere Atmosphäre und erstklassige Kunstrichtung
- Geschmeidiges, unmittelbar befriedigendes Kampfgefühl
- Große Build-Vielfalt dank Skill-Bäumen und Paragon-Brett
- Über die Saisons hinweg spürbar verbessert
Schwaechen
- Das Endspiel war zum Start deutlich zu dünn
- Die anfängliche Itemisierung wirkte wenig aufregend
- Durchgehender Online-Zwang, auch im Solospiel
Diablo IV ist eine atmosphärisch herausragende Rückkehr zu den düsteren Wurzeln der Serie, getragen von einer der besten Kampagnen des Genres. Wer vor allem Geschichte und Kampfgefühl sucht, bekommt schon ab der ersten Stunde ein erstklassiges Spiel. Das Endspiel hat erst durch die Aktualisierungen nach Release seine heutige, überzeugende Form gefunden – wer dauerhaft dort leben möchte, sollte das wissen.
Genre: Action-RPG