Hades II
Noch im Early Access und schon besser als die meisten Vollpreistitel – Supergiant macht es wieder
Getestet auf: PC — Desktop & Steam Deck
Der Erbe eines außergewöhnlichen Originals
Hades aus dem Jahr 2020 war einer dieser seltenen Titel, die ein ganzes Genre neu vermessen haben. Supergiant Games verband das Roguelite-Prinzip – immer neue, zufällig zusammengesetzte Durchläufe durch dieselbe Welt – so eng mit einer fortlaufenden, vertonten Erzählung, dass jeder Tod sich nicht wie ein bitterer Rückschlag, sondern wie ein erzählerischer Fortschritt anfühlte. Sterben war hier kein Scheitern, sondern ein Teil der Geschichte. Damit setzte das Studio einen Maßstab, an dem sich das gesamte Genre seither messen lassen muss – und an dem nun auch der Nachfolger gemessen wird.
Hades II tritt dieses schwere Erbe mit bemerkenswertem Selbstbewusstsein an. Der Early Access, im Mai 2024 gestartet, ist kein zaghafter Testballon und kein lückenhaftes Gerüst, sondern ein bereits erstaunlich vollständig und rund wirkendes Spiel. Schon in dieser frühen Fassung steckt mehr durchdachter Inhalt als in manchem fertig veröffentlichten Vollpreistitel – ein Umstand, der einiges über die Arbeitsweise von Supergiant verrät.
Melinoë statt Zagreus
Im Mittelpunkt steht nicht länger der unsterbliche Prinz Zagreus, sondern Melinoë – seine bis dahin unbekannte Schwester, Prinzessin der Unterwelt, ausgebildet als Hexe und angetreten, um den Titanen Kronos zu stürzen, der den Olymp und die Unterwelt gleichermaßen bedroht. Dieser Figurenwechsel ist weit mehr als eine kosmetische Variation. Melinoë bewegt sich anders, kämpft anders und denkt anders als ihr Bruder, und das gesamte Spiel ist um diese Unterschiede herum gebaut. Während Zagreus‘ Geschichte vom Ausbruch aus der Unterwelt nach oben handelte, führen Melinoës Wege sowohl nach oben in Richtung Olymp als auch tiefer hinab – eine strukturelle Erweiterung, die das vertraute Konzept spürbar auffächert.
Das Omega-System: Magie wird zur taktischen Ebene
Während Zagreus ein direkter, ungestümer Nahkämpfer war, ist Melinoë eine ausgeprägte Hybridfigur. Ihr Werkzeugkasten umfasst nicht nur klassische Waffen, sondern auch Magie, gespeist aus einer eigenen Mana-Ressource. Der entscheidende Kniff: Wer einen Angriff oder einen Zauber nur kurz antippt, löst die schnelle Standardvariante aus; wer die Taste hingegen gedrückt hält, lädt die deutlich mächtigere Omega-Version auf. Daraus entsteht in jedem Gefecht ein permanentes Abwägen zwischen flinken, ressourcenschonenden Standardaktionen und kraftvollen, aber mana-hungrigen Omega-Schlägen.
Dieses System verleiht den Kämpfen eine zusätzliche Planungsebene, die dem ersten Teil noch fehlte. Es bedeutet zugleich, dass der Einstieg etwas rauer ausfällt: Wer aus Hades I die direkte, sofort eingängige Schlagkraft von Zagreus gewohnt ist, braucht eine Weile, um in Melinoës rhythmischeres, bedachteres Kampfgefühl hineinzufinden. Hat man den Bogen aber erst einmal heraus, entfaltet sich ein elegantes, vielschichtiges Gefecht, das langfristig mehr taktische Tiefe bietet als das Original.
Hades I gegen Hades II: Was sich ändert
| Aspekt | Hades (2020) | Hades II – Early Access (2024) |
|---|---|---|
| Hauptfigur | Zagreus, reiner Nahkampf-Fokus | Melinoë, Nahkampf plus Magie |
| Kern-Neuerung | – | Omega-Angriffe, Mana-Ressource |
| Meta-Progression | Spiegel der Nacht | Arcana-Karten mit Slot-System |
| Spielrichtungen | Ein Weg nach oben | Wege nach oben und nach unten |
| Vollständigkeit | 100 Prozent (2021 fertig) | Etwa 60 Prozent (EA-Stand) |
| Musik | Darren Korb, meisterhaft | Noch mythischer ausgerichtet |
Arcana-Karten und Meta-Progression
Den „Spiegel der Nacht“ des Vorgängers, über den dauerhafte Verbesserungen freigeschaltet wurden, ersetzt in Hades II ein Kartensystem: die Arcana. Diese permanenten Boni lassen sich nicht einfach alle gleichzeitig aktivieren, sondern belegen begrenzte Plätze in einem Raster, das zusätzlich an Ausrüstungspunkte gekoppelt ist. Wer eine starke Karte einsetzen möchte, muss dafür möglicherweise auf zwei schwächere verzichten. So entsteht bereits vor dem eigentlichen Durchlauf eine Planungsebene, die das erste Hades in dieser Form nicht kannte. Vor jedem Aufbruch trifft man bewusste Entscheidungen über den eigenen Spielstil – ein kluger Zusatz, der die Vorbereitung selbst zu einem kleinen Spiel im Spiel macht.
Regionen, Bosse und der Lauf der Durchgänge
Der Early Access umfasst bereits mehrere vollständig ausgestaltete Regionen, jede mit eigenem visuellem Charakter, eigenen Gegnertypen und markanten Bosskämpfen. Die Begegnungen sind klar lesbar gestaltet: Angriffsmuster werden deutlich angekündigt, sodass Niederlagen sich fast immer fair und nachvollziehbar anfühlen. Wie schon beim Vorgänger gilt das Grundprinzip, dass das Scheitern die Geschichte vorantreibt, statt sie zu blockieren: Nach jedem Tod kehrt Melinoë an einen festen Ausgangspunkt zurück, wo neue Dialoge, neue Entwicklungen und neue Figurenmomente auf sie warten. Der Antrieb, es gleich noch einmal zu versuchen, speist sich so nicht nur aus dem Gameplay, sondern ebenso aus der Neugier auf den nächsten Erzählschnipsel.
Klang und Inszenierung
Der Soundtrack von Darren Korb ist erneut ein herausragendes Element und schlägt diesmal noch stärker mythische, fast hymnische und beschwörende Töne an, die hervorragend zur Hexen-Thematik rund um Melinoë passen. Die handgezeichneten Charakterporträts gehören erneut zum Schönsten, was das Genre zu bieten hat, und die pointierten, häufig spitzzüngigen Dialoge halten das hohe erzählerische Niveau, für das Supergiant bekannt ist. Auch auf tragbarer Hardware wie dem Steam Deck läuft das Spiel sauber und flüssig, was den Roguelite-typischen Ansatz kurzer, in sich abgeschlossener Sitzungen zusätzlich unterstützt.
Was im Early Access noch fehlt
Bei aller berechtigten Begeisterung darf eines nicht untergehen: Hades II ist noch nicht fertig. Die zentrale Storyline um den Konflikt mit Kronos läuft auf ein großes Finale zu, das zum Testzeitpunkt noch nicht spielbar ist. Einzelne Regionen, Waffen und Erzählstränge sind von den Entwicklern ausdrücklich als „in Arbeit“ gekennzeichnet, und das Spiel weist selbst an mehreren Stellen darauf hin. Die Wertung in diesem Test bewertet daher bewusst und ausdrücklich den aktuellen Zwischenstand – das fertige Gesamtbild kann am Ende noch einmal anders ausfallen.
Wie das Spiel anderswo aufgenommen wurde
Hades II wurde bereits in seiner Early-Access-Fassung von Presse und Spielerschaft sehr positiv aufgenommen. In vielen vorläufigen Einschätzungen wird betont, wie ungewöhnlich ausgereift und umfangreich der Titel für ein noch unfertiges Spiel bereits ist. Als Stärken gelten durchgängig das Spielgefühl, die Präsentation und der Soundtrack; relativiert wird das Lob allein durch den naturgemäß noch fehlenden Abschluss der Handlung.
Einsteigen oder warten?
Wer das Original mochte und keine grundsätzliche Scheu vor unfertigen Spielen hat, sollte bedenkenlos zugreifen – schon der aktuelle Stand bietet viele Dutzend Stunden hochwertige Unterhaltung. Wer hingegen lieber das vollständige, runde Gesamtbild erleben möchte, ohne von „in Arbeit“-Hinweisen aus der Immersion gerissen zu werden, setzt sich Hades II auf die Beobachtungsliste und schlägt zum vollen Release zu. Eine Fehlentscheidung gibt es bei diesem Titel in keinem der beiden Fälle.
Staerken
- Nahezu perfektes, reaktionsfreudiges Spielgefühl
- Atmosphärisch außergewöhnlich dicht
- Das Omega- und Magie-System bringt echte neue Tiefe
- Grandioser, mythisch aufgeladener Soundtrack
- Schon im Early Access erstaunlich umfangreich
Schwaechen
- Naturgemäß noch unvollständig (Early-Access-Stand)
- Der Einstieg fällt etwas rauer aus als beim Vorgänger
- Die zentrale Storyline ist noch ohne Auflösung
Diese Wertung bezieht sich ausdrücklich auf den Early-Access-Stand. Für einen unfertigen Titel ist Hades II bereits jetzt außergewöhnlich poliert, umfangreich und durchdacht. Wer das Original liebte, kann bedenkenlos sofort einsteigen – wer das fertige Gesamtbild abwarten möchte, bekommt zum vollen Release voraussichtlich noch mehr. In beiden Fällen gilt eine klare Empfehlung.
Genre: Roguelite