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PC Larian Studios · August 2023 (Full Release)

Baldur’s Gate 3

Das Rollenspiel, das eine ganze Generation neu definiert – und seinen Early Access deklassiert

9.5
Gesamt
10
Story
9
Gameplay
9
Technik
10
Umfang
10
Präsentation

Getestet auf: PC — Ryzen 7, RTX 4080, 32 GB RAM

Drei Jahre Geduld – und warum sie sich gelohnt hat

Als Baldur’s Gate 3 im Oktober 2020 in den Early Access startete, war die Stimmung in der Rollenspielgemeinde zwiespältig. Larian Studios, durch die Divinity-Original-Sin-Reihe zu Ansehen gekommen, übernahm eine der größten Marken der Genre-Geschichte – und legte zunächst nur einen einzigen, technisch wackeligen Akt vor. Es gab Abstürze, fehlende Klassen, eine dünne Begleiterriege und ein Kampfsystem, das die Regeln von Dungeons & Dragons der fünften Edition zwar erkennbar abbildete, aber noch nicht elegant umsetzte. Wer damals Geld investierte, kaufte vor allem ein Versprechen.

Larian nutzte diese Phase jedoch vorbildlich. Über knapp drei Jahre flossen Community-Rückmeldungen, Telemetriedaten und unzählige Patches in die Entwicklung ein. Mechaniken wurden umgebaut, Begegnungen neu austariert, ganze Queststränge verworfen und neu geschrieben. Der Early Access war hier kein Verkaufstrick, sondern ein echtes Entwicklungswerkzeug. Mit dem vollständigen Release im August 2023 lag schließlich kein größeres, sondern ein grundlegend anderes Spiel vor: drei vollwertige Akte, ein Hauptpfad von rund hundert Stunden und ein Gesamtumfang, der bei gründlicher Erkundung locker das Doppelte erreicht. Wer nur den ersten Akt aus der Testphase kannte, betrat eine völlig neue Welt.

Das Erbe eines großen Namens

Der Name Baldur’s Gate trägt schweres Gewicht. Die beiden Originale von BioWare aus den späten Neunzigern, gebaut auf der legendären Infinity Engine, gelten bis heute als Grundpfeiler des computergestützten Rollenspiels. Sie prägten eine ganze Generation und setzten Maßstäbe bei Erzählung, Begleiterfiguren und taktischer Tiefe. Ein drittes Baldur’s Gate, mehr als zwei Jahrzehnte nach dem zweiten Teil, hätte sich an dieser Erblast leicht verheben können.

Larian löste das Problem mit einer klugen Doppelstrategie: Respekt vor der Vorlage, ohne sich von ihr fesseln zu lassen. Die frühere Echtzeit-mit-Pause-Mechanik weicht einer konsequent rundenbasierten Struktur, die unmittelbar aus Divinity Original Sin 2 stammt und sorgfältig auf die D&D-Regeln zugeschnitten wurde. Gleichzeitig pflegt das Spiel zahlreiche Verbindungen zur Seriengeschichte, ohne Vorkenntnisse vorauszusetzen. Neueinsteiger finden problemlos Zugang, während langjährige Fans an vielen Stellen ein zufriedenes Wiedererkennen erleben. Dass diese Gratwanderung gelingt, ist eine der stillen, aber größten Leistungen des Spiels.

Das Kampfsystem: Würfel, Wahrscheinlichkeiten, Weltphysik

Im Zentrum steht ein rundenbasiertes Kampfsystem, das die 5e-Regeln erstaunlich originalgetreu übersetzt. Jeder Angriff, jeder Rettungswurf, jeder Versuch, ein Schloss zu knacken oder einen Gesprächspartner zu überzeugen, hängt an einem virtuellen zwanzigseitigen Würfel. Aktionen, Bonusaktionen und Bewegung sind streng begrenzt, was jeder Runde eine spürbare Bedeutung verleiht. Das Konzept von Vorteil und Nachteil, die Reaktionen auf gegnerische Züge, die Positionierung im Raum – all das fordert vorausschauendes Denken. Diese Würfellogik erzeugt echte Spannung, gelegentlich aber auch Frustration: Eine kritische Fehlzündung zur Unzeit kann eine minutiös geplante Begegnung kippen.

Was Baldur’s Gate 3 von vielen Genre-Kollegen abhebt, ist die konsequente Verzahnung von Kampf und Umgebung. Oberflächen brennen, frieren ein, werden rutschig oder leiten elektrischen Strom weiter. Höhenunterschiede verändern Trefferchancen spürbar, weshalb der Griff zu einer erhöhten Position oft mehr wert ist als ein zusätzlicher Zauber. Ein Fass Öl, an die richtige Stelle gerollt und entzündet, ersetzt eine ganze Angriffsrunde. Wer mag, schubst Gegner von Klippen, lässt Kronleuchter herabstürzen oder verwandelt sich in einen Wildtier, um unbemerkt zu fliehen. Das Spiel belohnt Kreativität fast immer und bestraft sie selten. Drei Schwierigkeitsgrade – vom entspannten Entdeckermodus bis zum gnadenlosen Ehrenmodus mit nur einem einzigen Speicherstand – sorgen dafür, dass sowohl Einsteiger als auch Regelveteranen das passende Erlebnis finden.

Im direkten Vergleich: Early Access gegen Full Release

Aspekt Early Access (Akt 1, 2020–2023) Full Release (2023)
Umfang ~20 Stunden, nur Akt 1 100–200 Stunden, drei Akte
Spielbare Klassen 6 von 12 Alle 12 inklusive Subklassen
Stabilität Häufige Abstürze, viele Bugs Weitgehend stabil, Akt 3 noch rauer
Begleiter Flach, wenig Reaktion auf Spielerhandeln Tief, dynamisch, vollständig vertont
Multiplayer Eingeschränkt, instabil Voller Drop-in-Koop, Cross-Save
Endgame Nicht vorhanden Mehrere große Finalvarianten

Die Begleiter sind das Herz des Spiels

So ausgefeilt das Kampfsystem ist – die eigentliche Stärke von Baldur’s Gate 3 sind seine Figuren. Shadowheart, die verschlossene Klerikerin mit einem belasteten Geheimnis; Astarion, der zynische Vampirschurke auf der Suche nach Befreiung; Gale, der Magier mit einer wörtlich tickenden Zeitbombe in der Brust; Lae’zel, die kompromisslose Githyanki-Kriegerin; dazu Wyll und Karlach mit jeweils eigenen, tragischen Hintergrundgeschichten. Keine dieser Figuren ist ein bloßer Questgeber. Sie haben Vergangenheit, Widersprüche und einen klaren Entwicklungsbogen, der sich über alle drei Akte spannt.

Ein Zustimmungssystem hält im Hintergrund fest, wie die Begleiter auf Entscheidungen reagieren. Wer früh gegen die Überzeugungen einer Figur handelt, spürt das viele Stunden später noch – in Dialogen, in der Bereitschaft zu romantischer Annäherung, mitunter sogar im Verbleib in der Gruppe. Besonders bemerkenswert ist, wie ernst das Spiel auch dunkle Wege nimmt. Wer sich gegen seine Gefährten oder für die zerstörerische Auswahl entscheidet, bekommt keinen abgespeckten Inhalt, sondern eine eigene, vollwertig ausgearbeitete und ebenso aufwendig vertonte Variante der Geschichte.

Wahlfreiheit, die diesen Namen verdient

Larian hat eine schwer vorstellbare Menge an Sonderfällen vorgesehen. Quests lassen sich durch Diplomatie, rohe Gewalt, Tarnung, Bestechung, List oder schlichtes Verschwindenlassen von Schlüsselfiguren lösen. Die Entwickler verfolgten die Maxime, dass nahezu jede Figur im Spiel getötet werden kann, ohne dass das Abenteuer in eine Sackgasse läuft. Wer einen wichtigen Questgeber beseitigt, sieht selten einen Fehlerbildschirm – das Spiel hat fast immer eine alternative Auflösung parat, häufig mit eigens dafür aufgenommenen Dialogen.

Diese Dichte an Reaktionen ist es, die Baldur’s Gate 3 so außergewöhnlich wiederspielbar macht. Ein zweiter Durchgang mit einer anderen Klasse, einer anderen Herkunft oder einer anderen moralischen Grundhaltung fühlt sich nicht wie eine Wiederholung an, sondern wie eine echte Neuentdeckung. Zusätzlich erlauben es die sogenannten Herkunftscharaktere, die Geschichte direkt aus der Perspektive eines der Begleiter zu erleben, was den ohnehin gewaltigen Umfang noch einmal vervielfacht.

Technik und Performance

Auf einem zeitgemäßen PC mit Hardware der RTX-4080-Klasse läuft das Spiel in hohen Auflösungen flüssig und sieht dabei ausgezeichnet aus. Die ersten beiden Akte präsentieren sich technisch sehr sauber. Akt 3 jedoch, der große, dicht bevölkerte Stadtabschnitt, fordert die Hardware spürbar stärker. Hier kommt es vereinzelt zu Einbrüchen der Bildrate, längeren Ladezeiten und gelegentlichen Skript-Hakeleien. Larian hat mit zahlreichen umfangreichen Patches deutlich nachgebessert und auch nach Release noch große Inhaltsaktualisierungen nachgereicht. Ganz auf das technische Niveau der beiden Vorkapitel kommt Akt 3 dennoch bis heute nicht.

Inszenierung und Klang

Die Inszenierung bewegt sich auf einem Niveau, das man von einem rundenbasierten Rollenspiel nicht erwartet hätte. Sämtliche Dialoge sind vollständig vertont und mit Bewegungsaufnahmen inszeniert; die Kamera fährt nah an die Figuren heran, deren Mimik feine Regungen transportiert. Der Soundtrack von Borislav Slavov begleitet das Geschehen die meiste Zeit dezent und läuft in den großen Momenten zu eindrucksvoller Höchstform auf. Das einzige nennenswerte Manko für den deutschsprachigen Raum: Es gibt ausschließlich Untertitel, keine deutsche Sprachausgabe.

Wie das Spiel anderswo aufgenommen wurde

Baldur’s Gate 3 zählt zu den höchstbewerteten Spielen seiner Generation und wurde von der internationalen Fachpresse nahezu einhellig gefeiert. Es gewann zahlreiche Auszeichnungen zum Spiel des Jahres 2023, darunter die wichtigsten Branchenpreise. Gelobt werden vor allem die erzählerische Tiefe, die enorme Reaktivität und der Produktionsaufwand; kritische Stimmen verweisen am häufigsten auf die technischen Schwächen des dritten Akts – ein Bild, das sich mit unserem Testeindruck deckt.

Im Vergleich mit der Konkurrenz

Gegenüber Larians eigenem Divinity Original Sin 2 wirkt Baldur’s Gate 3 erwachsener, fokussierter und erzählerisch geschlossener. Im Vergleich zu anderen modernen Computer-Rollenspielen wie der Pathfinder-Reihe bietet es weniger Regel-Mikromanagement, dafür eine ungleich aufwendigere Inszenierung und Vertonung. Wer maximale mechanische Komplexität sucht, findet sie anderswo; wer das rundeste Gesamtpaket aus Geschichte, Figuren und Taktik möchte, kommt derzeit an diesem Titel nicht vorbei.

Für wen lohnt sich der Einstieg?

Baldur’s Gate 3 verlangt zwei Dinge: Zeit und die Bereitschaft, sich auf ein Regelwerk einzulassen. Wer beides mitbringt, erhält eines der vollständigsten Rollenspielerlebnisse, die der PC je geboten hat. Einsteiger sollten den niedrigsten Schwierigkeitsgrad nicht als Eingeständnis einer Schwäche verstehen, sondern als Einladung, sich ganz auf Geschichte und Figuren zu konzentrieren. Wer dagegen die volle taktische Härte sucht, findet im Ehrenmodus eine der anspruchsvollsten Herausforderungen des Genres.

Staerken

  • Außergewöhnlich geschriebene Begleiter mit echtem Charakterbogen
  • Taktische Kampftiefe nach den D&D-5e-Regeln
  • Enormer Umfang und außergewöhnlich hoher Wiederspielwert
  • Nahezu jede Entscheidung hat sichtbare Konsequenzen
  • Vollwertiger Drop-in-Koop für bis zu vier Personen
  • Vorbildliche Vertonung und Inszenierung

Schwaechen

  • Akt 3 ist technisch spürbar weniger rund als Akt 1 und 2
  • Die Regeldichte schreckt Genre-Neueinsteiger anfangs ab
  • Keine deutsche Sprachausgabe, nur Untertitel
Fazit

Baldur's Gate 3 ist kein Spiel, das man nebenbei spielt – es ist eine Reise von hundert Stunden und mehr. Larian liefert das vollständigste, mutigste und am sorgfältigsten geschriebene Rollenspiel seit einem Jahrzehnt. Der Early Access war ein vielversprechender Rohdiamant, das fertige Spiel ist geschliffen, poliert und auf jeder Ebene durchdacht. Wer auch nur ansatzweise mit Rollenspielen liebäugelt, kommt an diesem Titel nicht vorbei.

Genre:

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